Seelische Gesundheit und psychosoziale Versorgung von Frauen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet seelische Gesundheit als „einen Zustand des Wohlbefindens, in dem sich Frauen und Männer ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst sind, mit normalen Stresssituationen umgehen, produktiv und erfolgreich arbeiten können und fähig sind, einen Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten.“

​Das psychische Wohlbefinden liegt in Österreich über dem EU-Durchschnitt. 19,5 Prozent klagen in Österreich über seelische Gesundheitsprobleme. Nach Geschlechtern geteilt sind es 21,2 Prozent Frauen, 17 Prozent Männer. Der EU-Schnitt zeigt mit 27,6 Prozent bei den Frauen und 18,9 Prozent bei den Männern ein ähnliches Bild.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Laut WHO hat das Geschlecht großen Einfluss auf die seelische Gesundheit. Frauen und Männer haben andere Stärken und Krankheitsrisiken, zeigen unterschiedliche Symptome, sprechen unterschiedlich auf Behandlungsmethoden an, bewältigen Krankheiten und Krisen mit unterschiedlichen Mitteln. Sie bekommen auch unterschiedliche Diagnosen gestellt und werden ungleich versorgt: Frauen erhalten schneller Psychopharmaka, Beschwerden von Männern werden eher als somatisch diagnostiziert.

In Diagnose, Forschung und Behandlung gelten nach wie vor männliche Standards.
Gesundheitsförderung hilft Risikofaktoren zu vermeiden, stärkt Schutzfaktoren, verändert krankmachende Strukturen. Seelische Gesundheit und Krankheit sind nach Antonovskys salutogenetischem Modell zwei Pole auf einem Kontinuum. Die Übergänge zwischen psychisch gesund und krank sind fließend. Werden Belastungen zu groß oder reichen die Bewältigungsstrategien nicht aus, kann es zu einer tief greifenden psychischen Krise bis hin zu psychischen Erkrankungen kommen. Die Fähigkeit, private und berufliche Anforderungen und Probleme zu bewältigen, ist ein entscheidender Schutzfaktor für seelische Gesundheit.

Schutzfaktoren

sind gute Ausbildung, kontinuierliche Berufstätigkeit und gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das Eingebundensein in Familie und Freundeskreis und ehrenamtliches Engagement. Auch die generell bewusstere Lebensführung von Frauen schützt sie: Frauen gelingt es besser, sich gesund zu ernähren als Männern, sie rauchen und trinken weniger und gehen öfter zu Früherkennungsuntersuchungen.

Risiken

Besonders gefährdet ist die seelische Gesundheit von Frauen während Schwangerschaft, Geburt und Stillphase. Kritische Phasen und Faktoren sind außerdem die Pubertät, Doppelbelastung Beruf-Familie, Arbeitslosigkeit, Krankheit. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 75 Prozent der psychischen Erkrankungen auf Gewalterfahrungen zurückzuführen sind. Ein besonderer Risikofaktor ist die soziale Benachteiligung von Frauen. So sind sie häufiger als Männer von niedrigem Einkommen betroffen, von geringerer Ausbildung und Arbeit in wenig geachteten Berufen. Besonders betroffen sind Migrantinnen: Frauen in einer unsicheren Aufenthaltssituation, mit erhöhtem Armutsrisiko und oft traumatischen Erfahrungen durch Verfolgung und Flucht sind mit so vielen existentiellen Problemen konfrontiert, dass sie die vorhandenen internen Ressourcen schwer als Schutz für ihre Gesundheit einsetzen können.

Wichtige Maßnahmen

Der Abbau von sozialer Ungleichheit schützt vor seelischen Erkrankungen. Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt und für einen professionellen Umgang mit Frauen mit gesundheitlichen Folgen nach Gewalterfahrungen sind wichtige Forderungen. Das Psychosoziale Zentrum Graz-Ost und das Frauengesundheitszentrum haben ein Konzept für eine Fortbildung zu frauengerechter sozialpsychiatrischer Versorgung entwickelt, die 2011 stattfinden soll. Auch verständliche, qualitätsvolle, unabhängige Gesundheitsinformationen sind nötig sowie frauenspezifische Burnoutprävention, die auch die Arbeitsplatzstrukturen einbezieht. Der Zugang zu Psychotherapie sollte erleichtert, mehrsprachige Psychotherapie verstärkt angeboten werden.

Standards und Kriterien für frauengerechte Versorgung

Um effektiv zu sein, müssen Gesundheitsförderung und Versorgung an den geschlechterspezifischen Schutz- und Risikofaktoren ansetzen. International haben Frauenorganisationen frauengerechte Therapie- und Beratungsstandards sowie handlungsleitende Kriterien zur frauenspezifischen Qualitätssicherung in der psychosozialen und gesundheitlichen Versorgung von Frauen erarbeitet [..]. Diese sollten in der Steiermark flächendeckend umgesetzt werden.